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Apps: Was Erwachsene auf Instagram oft nicht sehen

Instagram wirkt auf den ersten Blick übersichtlich: Jugendliche posten Bilder, schauen Reels, folgen Freunden, Influencern oder bekannten Accounts. Wer jedoch genauer hinsieht, erkennt schnell, dass die tatsächliche Nutzung deutlich komplexer ist.

Viele Jugendliche bewegen sich nicht nur mit einem einzigen Profil auf Instagram. Gleichzeitig sehen sie in ihren Feeds längst nicht nur Beiträge von Menschen, denen sie bewusst folgen. Zweitaccounts und algorithmisch zusammengestellte Empfehlungen schaffen digitale Räume, die Eltern und pädagogischen Fachkräften häufig verborgen bleiben.

Ein öffentlicher Account (und einer für den engeren Kreis)

Neben dem öffentlichen und meist sorgfältig gestalteten Hauptprofil besitzen viele Jugendliche einen weiteren Instagram-Account.

Für diese unterschiedlichen Profile werden gelegentlich die Begriffe „Rinsta“ und „Finsta“ verwendet:

  • Das „Finsta“ ist meist privater, weniger eindeutig erkennbar und nur für einen ausgewählten Personenkreis sichtbar.
  • Das „Rinsta“ bezeichnet den öffentlichen, häufig stärker inszenierten Hauptaccount.
Was ist ein „Rinsta“?

Rinsta steht für „Real Instagram“ und bezeichnet meist den öffentlichen Hauptaccount eines Jugendlichen. Die Beiträge sind häufig bewusst ausgewählt, stärker inszeniert und für einen größeren Personenkreis sichtbar. Der Account dient vor allem dazu, sich nach außen zu präsentieren.

Schöne Bilder: Die Inhalte sind stark gefiltert, bearbeitet und sorgsam ausgewählt.

Echter Name: Das Profil läuft oft unter dem echten Namen oder dem bekannten Nickname.

Öffentlich: Es ist meist für alle sicht- und auffindbar.

Was ist ein „Finsta“?

Finsta steht für „Fake Instagram“ und bezeichnet meist einen privaten Zweitaccount. Entgegen dem Namen nutzen vor allem Jugendliche solche Accounts nicht für Fälschungen, sondern um ungeschönte, ehrliche und persönliche Inhalte mit einem sehr kleinen Kreis an engeren Freunden zu teilen. Trotz privater Einstellungen können Beiträge jedoch per Screenshot gespeichert oder weitergeleitet werden.

  • Freundeskreis: Nur ausgewählte Personen dürfen folgen; die Beiträge bleiben privat.
  • Versteckter Zweitaccount für den Alltag, schlechte Fotos, Frust oder ehrliche Gefühle.

Das ist nicht grundsätzlich problematisch. Die Trennung zwischen einem öffentlichen und einem privaten Raum kann sogar zeigen, dass Jugendliche bewusst darüber nachdenken, welche Inhalte sie mit wem teilen möchten.

Gleichzeitig entstehen auf privaten Zweitaccounts Bereiche, die von Erwachsenen kaum wahrgenommen werden. Dort können sehr persönliche Bilder, Insiderwitze, Konflikte oder Aufnahmen anderer Personen geteilt werden. Auch unangenehme Kontakte, problematische Inhalte oder Desinformationen bleiben möglicherweise länger unbemerkt.

Vor allem jüngere Nutzer können noch Schwierigkeiten damit haben, die Reichweite und mögliche Folgen solcher Inhalte realistisch einzuschätzen. Ein privater Account bedeutet schließlich nicht automatisch, dass Beiträge tatsächlich privat bleiben. Screenshots können angefertigt, Inhalte weitergeleitet und persönliche Beiträge gegen die abgebildete Person verwendet werden. Auch die bewusste Trennung verschiedener Profile gelingt älteren Jugendlichen meist reflektierter als jüngeren Kindern.

Der Feed zeigt nicht einfach „die Welt“

Hinzu kommt ein zweiter, häufig unterschätzter Bereich: der algorithmisch zusammengestellte Feed.

Instagram zeigt Jugendlichen nicht einfach alle neuen Beiträge in einer neutralen oder chronologischen Reihenfolge. Das System versucht fortlaufend vorherzusagen, welche Inhalte eine Person besonders wahrscheinlich anklickt, anschaut oder teilt.

Dafür werden unter anderem folgende Signale ausgewertet:

  • Welche Beiträge werden gelikt oder gespeichert?
  • Welche Reels werden vollständig oder mehrfach angesehen?
  • Bei welchen Videos bleibt jemand besonders lange hängen?
  • Welche Inhalte werden kommentiert oder weitergeleitet?
  • Nach welchen Themen und Accounts wird gesucht?
  • Wem folgt die Person?
  • Welche Beiträge werden schnell weitergewischt?

Dabei ist wichtig: Jugendliche müssen einen Beitrag nicht einmal liken, damit Instagram ein Interesse erkennt. Schon die Verweildauer kann dem System signalisieren, dass ein Thema Aufmerksamkeit erzeugt.

Wer beispielsweise mehrere Videos zu Fitness, Ernährung oder einem bestimmten Schönheitsideal länger betrachtet, erhält mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Beiträge aus diesem Themenfeld. Aus einem einzelnen Video kann so innerhalb kurzer Zeit ein Feed entstehen, der fast ausschließlich ähnliche Inhalte zeigt.

Vom Interesse zur digitalen Filterblase

Personalisierte Empfehlungen können durchaus hilfreich sein. Jugendliche entdecken darüber Musik, kreative Ideen, Nachrichten, Hobbys, Lerntipps oder Menschen mit ähnlichen Erfahrungen.

Problematisch wird es, wenn bestimmte Themen immer weiter verstärkt und andere Perspektiven kaum noch angezeigt werden. Es können sogenannte Filterblasen oder Echokammern entstehen: Jugendliche sehen überwiegend Inhalte, die zu ihren bisherigen Interessen, Ansichten oder Unsicherheiten passen.

Das kann Einfluss auf das Selbstbild, die Stimmung, das Konsumverhalten und die Wahrnehmung gesellschaftlicher Themen nehmen.

Besonders sensible Themen können sich dadurch schnell zuspitzen. Dazu gehören beispielsweise:

  • extreme Körper- und Schönheitsideale [siehe Infobox]
  • Diät- und Fitnessinhalte
  • Gewalt oder gefährliche Challenges
  • verschwörungsideologische Erzählungen
  • menschenfeindliche oder extremistische Beiträge
  • selbstverletzendes Verhalten
  • Beiträge, die Ängste, Wut oder Konflikte verstärken

Der Feed eines Jugendlichen kann daher völlig anders aussehen als der Feed eines Erwachsenen, selbst wenn beide dieselbe App verwenden. Ein kurzer Blick auf die Instagram-Startseite der Eltern sagt wenig darüber aus, welchen Inhalten das eigene Kind täglich begegnet.

Achtung: Wenn aus Schönheitsidealen gefährliche Inhalte werden

Unter Bezeichnungen wie #TeamAna, #ProAna, #TeamMia oder #ProMia werden in sozialen Netzwerken teilweise Inhalte verbreitet, die Magersucht und Bulimie verharmlosen oder sogar als erstrebenswerten Lebensstil darstellen.

„Ana“ steht dabei für Anorexia nervosa, also Magersucht. „Mia“ bezeichnet Bulimia nervosa, die Ess-Brech-Sucht. Durch die Verwendung vermeintlich freundlicher Namen werden schwere psychische Erkrankungen personifiziert und ihre gesundheitlichen Folgen heruntergespielt.

Die Beiträge können extreme Abnehmziele, sehr geringe Kalorienvorgaben, exzessive Sportprogramme, Körpervergleiche oder sogenannte Motivationstipps zum Hungern enthalten. Besonders problematisch ist, dass Plattformalgorithmen nach längerer Betrachtung oder Interaktion schnell weitere ähnliche Inhalte empfehlen können.

Wichtig für Lehrkräfte und Eltern: Achten Sie auf plötzliche starke Gewichtsabnahme, zwanghaftes Kalorienzählen, häufige abwertende Aussagen über den eigenen Körper, Rückzug, das Auslassen gemeinsamer Mahlzeiten oder eine intensive Beschäftigung mit einschlägigen Begriffen. Einzelne Anzeichen beweisen noch keine Essstörung, sollten aber Anlass für ein ruhiges, wertschätzendes Gespräch und gegebenenfalls professionelle Unterstützung sein.

Solche Inhalte sollten nicht gelikt, gespeichert oder weitergeleitet, sondern der Plattform gemeldet werden. Betroffene Jugendliche brauchen keine Vorwürfe oder Kontrolle, sondern ernst gemeinte Unterstützung und frühzeitige fachliche Hilfe.

Der Algorithmus kann beeinflusst werden

Jugendliche sind dem Algorithmus nicht vollständig ausgeliefert. Sie können aktiv beeinflussen, welche Inhalte ihnen häufiger oder seltener angezeigt werden.

Hilfreich ist es beispielsweise:

  • problematische Beiträge nicht wiederholt anzusehen
  • die Funktion „Nicht interessiert“ zu verwenden
  • bestimmte Accounts stummzuschalten, zu blockieren oder zu entfolgen
  • gezielt seriösen Nachrichten-, Bildungs- und Informationsangeboten zu folgen
  • unterschiedliche Quellen und Perspektiven zu nutzen
  • den eigenen Suchverlauf und die abonnierten Accounts regelmäßig zu überprüfen
  • Benachrichtigungen auszuschalten und bewusste Offline-Zeiten einzuplanen

Auch Likes, gespeicherte Inhalte, Suchanfragen und neu abonnierte Accounts verändern die Empfehlungen. Vereinfacht gesagt: Der Algorithmus lernt aus dem Verhalten der Nutzer. Verändert sich das Verhalten, kann sich langfristig auch der Feed verändern.

Was bedeutet das für Schule und Elternhaus?

Zweitaccounts und personalisierte Feeds vollständig zu kontrollieren, ist weder realistisch noch pädagogisch sinnvoll. Entscheidend ist vielmehr, dass Erwachsene verstehen, wie Jugendliche Instagram tatsächlich nutzen.

Statt ausschließlich zu fragen: „Wie lange warst du heute am Handy?“, können konkretere Fragen einen besseren Einblick ermöglichen:

  • Welche Inhalte werden dir gerade besonders häufig angezeigt?
  • Gibt es Themen, die plötzlich überall in deinem Feed auftauchen?
  • Hast du unterschiedliche Accounts für unterschiedliche Personengruppen?
  • Wer darf deine privaten Beiträge sehen?
  • Woran erkennst du, ob ein Account vertrauenswürdig ist?
  • Weißt du, wie du unerwünschte Empfehlungen reduzieren kannst?
  • Was würdest du tun, wenn jemand einen privaten Beitrag von dir weiterleitet?

Solche Gespräche sollten nicht mit dem Anspruch beginnen, jedes Detail zu kontrollieren. Jugendliche benötigen eigene soziale Räume und das Recht, nicht jede Unterhaltung mit Erwachsenen teilen zu müssen. Gleichzeitig brauchen sie verlässliche Ansprechpersonen, wenn Inhalte unangenehm werden, Grenzen überschritten oder persönliche Beiträge ohne Zustimmung verbreitet werden.

Unser App-Hack

Lassen Sie Schüler ihren Instagram-Algorithmus einmal bewusst beobachten.

Eine mögliche Aufgabe für Unterricht oder Präventionsarbeit:

  1. Die Schüler notieren, welche Themen ihnen in den ersten zehn empfohlenen Reels begegnen.
  2. Anschließend überlegen sie, durch welches bisherige Verhalten diese Empfehlungen entstanden sein könnten.
  3. Sie markieren Inhalte, die informieren, unterhalten, Druck erzeugen oder starke Emotionen auslösen.
  4. Danach nutzen sie gezielt Funktionen wie „Nicht interessiert“, folgen einem seriösen Informationsangebot oder verändern ihr Suchverhalten.
  5. Nach einigen Tagen prüfen sie, ob und wie sich der Feed verändert hat.

Dabei müssen keine privaten Accounts, Nutzernamen oder konkreten Beiträge vor der Klasse gezeigt werden. Im Mittelpunkt steht das Verständnis dafür, dass ein personalisierter Feed keine neutrale Abbildung der Wirklichkeit ist.

Interesse schafft eher Sicherheit als Kontrolle

Erwachsene sehen auf Instagram häufig nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Lebenswelt von Jugendlichen. Hinter einem sichtbaren Hauptprofil kann ein privater Zweitaccount stehen. Hinter einem scheinbar zufälligen Reel steckt ein System, das Aufmerksamkeit analysiert und ähnliche Inhalte immer wieder verstärkt.

Deshalb gilt: Nicht vorschnell bewerten, sondern interessiert nachfragen. Nicht heimlich kontrollieren, sondern gemeinsam Funktionen und Risiken verstehen.

Je besser Kinder und Jugendliche wissen, wie private Accounts, Weiterleitungen und Algorithmen funktionieren, desto bewusster können sie entscheiden, was sie veröffentlichen, wem sie vertrauen und welche Inhalte sie täglich an sich heranlassen.

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